Artikel der Kategorie Februar, 2009
Predigt vom 14./15. Februar
In dieser Rubrik finden Sie immer wieder einmal Predigten, die sich an den jeweiligen Sonntagslesungen orientieren oder ein aktuelles Thema aufgreifen.
6. Sonntag/B2009
Thematisch: Evolutionslehre und Schöpfungsglauben
Liebe Mitchristen,
am 12. Februar 1809 – also vor 200 Jahren – wurde Charles Darwin geboren und vor ziemlich genau 150 Jahren erschien sein berühmtes Werk über „Die Entstehung der Arten“. So wurde das Jahr 2009 zum Darwin-Jahr ausgerufen - und Person und Werk stehen im Fokus des Interesses. Und das ist auch nicht zufällig so: kaum eine naturwissenschaftliche Theorie hat unser Denken nachhaltiger geprägt als Darwins Evolutionstheorie. Für manche ist Darwin aber nicht nur ein Naturwissenschaftler, sondern der Mann, der „Gott entmachtete“ – wie es vor kurzem in einer Überschrift reißerisch hieß. Und tatsächlich: lassen seine Forschungen die Bibel nicht wie ein Märchenbuch erscheinen? Ist die Rede von Gott dem Schöpfer und dem Menschen als der Krone der Schöpfung nicht durch Darwin widerlegt? Schauen wir einmal genauer hin.
Als Darwin vor 150 Jahren sein Werk über „Die Entstehung der Arten“ veröffentlicht, bedeutet das tatsächlich nichts weniger als eine Revolution. Die Wissenschaftler vor ihm gingen davon aus, daß alle Arten auf dieser Erde konstant geblieben seien, eine eigene und exklusive Schöpfung Gottes. Darwin nun kann durch seine Forschungen belegen, daß alles auf dieser Erde sich in langen Zeiträumen entwickelt hat. Die Mechanismen dazu sind Mutation – also spontane Veränderungen des genetischen Materials – und Selektion: die der Umwelt am besten angepaßten Individuen überleben und pflanzen sich fort. Diese Sicht Darwins wird durch heutige Kenntnisse: besonders durch die Entschlüsselung der Erbsubstanz DNA und paläontologische Funde – gestützt. Und schon Darwin wandte diese Erkenntnisse auf die Entstehung des Menschen an: auch da gab es eine jahrmillionenlange Entwicklung. Und wenn man die Entwicklungslinien anschaut, sieht man daß sich die Menschen und die Menschenaffen aus gemeinsamen Ursprüngen entwickelt haben. So hat das Erbgut der Schimpansen und das der heutigen Menschen eine Ähnlichkeit von 98%. Und auch noch mit der Hefe gibt es eine genetische Ähnlichkeit von immerhin 50%. Auf jeden Fall gilt: alles Leben auf dieser Erde – auch das menschliche- hat sich aus einfachsten Ursprüngen in unvorstellbar langen Zeiträumen entwickelt.
Was ist aber dann mit den Aussagen der Bibel? Daß Gott die Welt in sieben Tagen geschaffen hat? Was ist mit unserem Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erde? Als Schüler hat mich das – ich kann mich noch gut – erinnern, sehr beschäftigt. Ich hatte damals aber in meinem Religionslehrer einen kundigen und engagierten Gesprächspartner. Viele aber sahen hier eine Wegscheide: hier ein blinder Glaube, dort die Wissenschaft- und entschieden sich für letzteres. Das ist allerdings eine falsche Alternative. Schon ein simpler Blick in die Bibel kann das erklären. Auf den ersten Seiten der Bibel stehen zwei ganz und gar verschiedene Schöpfungserzählungen, die man auch nicht harmonisieren kann. Das zeigt aber doch: es geht bei den biblischen Berichten nicht um naturwissenschaftliche Berichte, sondern um eine Glaubensaussage: Gott hat die Welt ins Dasein gerufen. Oder mit anderen Worten: der Bibel geht es nicht um das WIE der Weltentwicklung, sondern um das WARUM der Weltentstehung! Beides sind verschiedene Fragestellungen. Und beide Fragestellungen haben ihre Berechtigung, ihre Logik. Ich kann naturwissenschaftlich sagen, daß es eine Evolution von frühesten Anfängen gab. Ich kann als glaubender Mensch aber auch sagen, daß Gott am Anfang von all dem steht. Daß die Welt nicht aus Zufall, sondern aus dem Logos entstanden ist. Oder ich kann sagen, daß die Evolution die Art und Weise ist, wie Gott Schöpfung verwirklicht. Daß sich das auch auf den Menschen bezieht, braucht keine Kränkung zu sein. Schon die das Buch Genesis spricht davon, daß der Mensch aus „Ackerboden“ gemacht sei, aus unbelebter Materie. Daß dieser Mensch aber von Gott als „Du“ angesprochen wird, das ist seine Personalität, das ist seine Würde.
Zuletzt will ich zwei Holzwege benennen, die uns in dieser ganzen Fragestellung nicht weiterführen. Für mich sind jene Naturwissenschaftler auf dem Holzweg, die den Darwinismus als Waffe gegen die Religion benutzen wollen. Zu ihnen gehört zum Beispiel Richard Dawkins, einen der prominenten Vertreter der Atheistenbewegung. Wenn er behauptet: „Alle Fragen über das Leben haben die gleiche Antwort: Natürliche Selektion.“ – spricht er nicht als Naturwissenschaftler, sondern als Gläubiger. Hier ist die Naturwissenschaft zur Ideologie, zur Ersatzreligion geworden- denn zu postulieren „alles“ durch eine Ursache erklären zu können setzt sozusagen den Gottstandpunkt (God`s view) voraus. Wie gefährlich das sein kann, zeigt die Geschichte. Unter den furchtbaren Medizinern der Konzentrationslager gab es viele überzeugte Darwinisten: nur daß sie die Selektion selber in die Hand nahmen. Man muß nicht zu solch extremen Beispielen greifen, aber sicher gilt: Die Erklärung von Darwin, die Evolutionstheorie, ist eine unter vielen um das Rätsel des Lebens zu erklären.
Auf dem Holzweg sind aber auch jene Leute, die die Bibel wortwörtlich nehmen und mit allerlei abstrusen Konstruktionen zu erklären versuchen, warum die Welt nicht älter als 6000 Jahre sei. Zuweilen nennt man diese Leute, die vor allem in den USA großen Einfluß haben, Kreationisten oder die Vertreter einen sogenannten „intelligent design“. Hier aber werden Naturwissenschaft und Theologie, das „Wie“ und das „Warum“ der Schöpfung in einer Weise miteinander vermengt, die keinem der Beteiligten gut tut. Nach meiner Meinung braucht es solche Konstruktionen nicht: Evolutionstheorie und christlicher Glaube schließen sich nicht aus. Im Gegenteil, man kann hier durchaus den großen Max Plank zitieren, der einmal gesagt hat: „Zwischen Religion und Naturwissenschaft finden wir keinen Widerspruch. Sie schließen sich nicht aus, wie manche glauben oder fürchten, sondern sie ergänzen und bedingen einander.“
In diesem Sinne: Alles Gute zum Geburtstag, Mr. Darwin!
Predigt vom 7./8. Februar 2009
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5. Sonntag/C/- Heusenstamm 2009
Streit um den Papst – oder: wie man einen Skandal inszeniert
Liebe Mitchristen,
Was in den letzten Tagen an Kritik – ja Verleumdung und Unterstellung – über unseren Papst hereingebrochen ist, ist unglaublich. Und beschämend ist es, wie kritiklos die Medien und auch manche wachsweiche Kirchenleute auf dieses Pferd aufgesprungen sind. Der Gipfel der Unverschämtheit war, daß sich sogar Angela Merkel bemüßigt fühlte den Papst zurechtzuweisen. Er solle sich klar von der Leugnung des Holocaust distanzieren! Man fragt sich: Was bildet die sich ein! Diesen Nachhilfeunterricht braucht unser Papst bestimmt nicht! Ein Stück aus dem Tollhaus. Deshalb wieder zurück zu den Fakten. Um was geht und ging es in dieser ganzen Affäre?
Von Anfang an war es ein großes Anliegen von Papst Benedikt, die Spaltung innerhalb der katholischen Kirche zu beseitigen. Die ist dadurch entstanden, daß Erzbischof Lefebvre vor über 20 Jahren vier Bischöfe geweiht haben, die sein Werk fortführen sollten. Diese Weihe war gültig, aber unerlaubt. Zu der Piusbruderschaft gehören mehrere hundert Priester und ungefähr 600.000 Gläubige weltweit. In den letzten Monaten nun gab es manche Gespräche und die dringende Bitte der Bischöfe, ihre Exkommunikation aufzuheben. Das bedeutet aber nicht die volle Rehabilitierung: ihr Status ist kirchenrechtlich nach wie vor irregulär. Aufhebung der Exkommunikation bedeutet lediglich: die Zulassung zu den Sakramenten und daß der Weg freigemacht wird für weitere Gespräche. In einem Bild ausgedrückt: die Schranke ist hochgezogen, aber das Blinklicht leuchtet: der Weg ist noch nicht frei. Es ist ganz klar, daß die volle Rehabilitierung der Bischöfe nur erfolgen kann, wenn sie sich einfügen in das Gesamt der Kirche. Das heißt: auch die Ergebnisse des 2. Vatikanischen Konzils anerkennen. Im Grunde ist es jetzt die Bruderschaft, die am Zug ist. Entweder ergreifen sie die ausgestreckte Hand des Papstes, oder sie wenden sich endgültig von der Gesamtkirche ab. Bis hierhin ist doch alles im grünen Bereich. Es ist ja eine selbstverständliche Aufgabe des Papstes, sich um die Einheit zu mühen. Er ist Pontifex, Brückenbauer. Die Abspaltung dieser Gemeinschaft hat ihm einfach keine Ruhe gelassen. Und es ist ja nicht so, daß darunter nur Fanatiker und schreckliche Fundamentalisten sind. Oft sind die Anhänger dieser Bruderschaft fromme Leute, die einfach nur katholisch bleiben wollten. Und hier beginnt die Differenzierung. Noch immer ringt die Kirche als Ganze um die rechte Rezeption des zweiten Vatikanischen Konzils, obwohl das nun inzwischen schon fast 50 Jahre lang Geschichte ist. Benedikt XVI hat als junger Konzilsberater diese Geschichte selbst erlebt und die Jahre danach kritisch und leidenschaftlich begleitet. Jahre in denen man zu allem und möglichen gesagt hat, das habe „das“ Konzil eben beschlossen. So wurden zum Beispiel aus den Kirchen Altäre herausgerissen, Heiligenbilder verschwinden lassen, Meßgewänder verbannt daß es eine Pracht war. In der Kommunionkatechese erzählte man den Kindern nur noch vom „heiligen Brot“ statt ihnen zu sagen, daß sie den „Leib Christi“ empfangen. Die Beichte galt in vielen Pfarreien als abgeschafft und vieles mehr. Und bei all dem hat man sich auf „das“ Konzil berufen, obwohl in dessen Texten davon kein Wort stand.
Mit anderen Worten: Wenn in diesen Tagen so viel vom Konzil die Rede ist, muß man schon schauen, was damit gemeint ist. Der sog. „Geist des Konzils“ und manche „nachkonziliare Entwicklung“ sind nicht gleich „das „Konzil. Sicher aber wurden viele Leute durch die genannten Mißstände aus der Kirche herausgetrieben - und ihnen reicht Benedikt nun die Hand. Denn es ist seine feste Überzeugung: das Konzil war kein revolutionärer Neuanfang, sondern ist eingebettet in das Gesamt der kirchlichen Überlieferung. Allerdings gibt es eine Neuausrichtung, die man in den Texten des Vatikanums sehr genau nachlesen kann: es ist die Religionsfreiheit. Die besagt: Der Mensch als Person hat Rechte. Zu diesen gottgegebenen Rechten gehört es, sich frei für den Glauben zu entscheiden. Kein Mensch darf in seinem Gewissen in Glaubensfragen zu etwas gezwungen werden. Damit ist das Tor weit aufgestoßen zum Dialog mit Menschen anderen Glaubens und anderer Überzeugung und damit auch zum Gespräch und zum Dialog mit den anderen Religionen – allerdings ohne den christlichen Wahrheitsanspruch aufzugeben. Auf jeden Fall ist diese Weichenstellung des Konzils die Grundlage für die Ökumene und vor allem das Gespräch mit dem Judentum und dem Islam. Dahinter kann niemand zurück und hier muß sich die Piusbruderschaft bewegen.
Soweit zum Innerkirchlichen, das für sich betrachtet wohl kaum jemand so in Wallung gebracht hätte. Nun aber kommt die mediale Katastrophe. Einer der vier Bischöfe, deren Exkommunikation aufgehoben wurde, ist ein Holocaust-Leugner. Und wohl auch sonst ein Anhänger aller möglichen Verschwörungstheorien. Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung des römischen Dekrets kam dies an die Presse. Und plötzlich heißt die Schlagzeile: Papst rehabilitiert einen Holocaust-Leugner. Aber genau darum geht und ging es zu keiner Zeit. Natürlich ist es eine unglaubliche Dummheit der zuständigen römischen Behörde, das nicht vorher abgecheckt zu haben. Vielleicht – und manches spricht dafür, war es auch eine bewußte Provokation dieses Williamson, um eine Aussöhnung mit Rom zu verhindern. So wie sich Selbstmordattentäter gerne im Umfeld von Friedensverhandlungen in die Luft sprengen. Aber wer wollte dem Papst ernsthaft unterstellen, er habe davon gewußt? Ja noch mehr: wer wollte ihm ernsthaft unterstellen, die katholische Kirche gebe Holocaust-Leugnern Raum? Aber genau das tut man zur Zeit. Und das ist ungerecht und verleumderisch.
Ich habe den Eindruck: manchen Leuten kam das gerade recht: dem Ratzinger–Papst – dem man bisher doch nicht so vieles nachsagen konnte – endlich mal eine Breitseite zu geben. Den aufgestauten Geifer endlich loszuwerden. Schade, daß da so viele mitmachen - und dabei das vermissen lassen, was die Basis jeder ehrlichen Kritik ist: ein gewisses Maß an Wohlwollen, Kenntnis in der Sache und Fairneß in der Wahl der Mittel. AMEN


