Pfarrgemeinde Maria Himmelskron

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Artikel der Kategorie ‘Predigten’

Kirchweih Heusenstamm - 17./18.09.2011

September 27, 2011 Von: Sekretariat Kategorie: Predigten Comments Off

Papstbesuch

100 Abgeordnete wollen fernbleiben, liebe Mitchristen, wenn Papst Benedikt XVI in der nächsten Woche anlässlich seines Deutschlandbesuches im Bundestag sprechen will. 100 Abgeordnete, immerhin fast ein Sechstel der Mitglieder des Bundestages. Das ist eine Blamage: nicht für den Papst, aber für diese Damen und Herren, die angeblich unser Volk repräsentieren. Menschlich blamabel: weil es schlicht unhöflich und wenig gastfreundlich ist. Politisch blamabel: weil es einen Affront gegen den Vertreter von immerhin 1,2 Milliarden Katholiken in aller Welt ist. Blamabel ist aber auch die Argumentation: Sie sehen in der Rede eines religiösen Vertreters im Bundestag eine Verletzung der Neutralitätspflicht des Staates. Wissen diese Leutchen nicht, dass unser Grundgesetzt keinen laizistischen Staat vorsieht, sondern vielfältige Modelle der Kooperation und Zusammenarbeit von Staat und Kirche. Um das zu verstehen reicht normal ein Semester Jura oder ersatzweise intensives Zeitungslesen. Vielleicht kriegt man da auch mit, dass der Papst rein formal auch der Staatschef eines kleinen, aber völkerrechtlich anerkannten Staates ist.
Aber genug: gegen Dummheit ist bekanntlich kein Kraut gewachsen. Und so originell wie sich diese Abgeordneten wähnen, sind sie gar nicht. Sie fügen sich ein in eine lange Geschichte der Rom- und Papstfeindschaft speziell in Deutschland. Das führte unter Bismarck zum sogenannten Kulturkampf, in der man alle Katholiken unter Generalverdacht stellte weil sie „ultramontan“, also jenseits der Berge, der Alpen ihren Ansprechpartner hätten. Der Hass Hitlers auf das Papsttum ist bekannt und ich kenne Priester die beim Gang zur Priesterweihe sich den Schmähruf der SA- Leute anhören mussten: „Ohne Juda, ohne Rom, bauen wir Germaniens Dom“. Nun haben sich die Zeiten geändert, aber wenn wir den Tenor der veröffentlichten Meinung anhören, da ist viel Häme, Ironie, Distanz. Als in der ARD über den Weltjugendtag in Madrid berichtet wurde, da standen für dreitausend Protestierer vier Minuten zur Verfügung, während die unglaubliche Zahl von eineinhalb Millionen jugendlicher Pilger fast so nebenbei erwähnt wurde. Nun kommt also Papst Benedikt in sein Heimatland. Ob es ein fremdes Land für ihn sein wird?
Zunächst einmal ist jedes Land für den Papst zu einem gewissen Teil ein fremdes Land. Weil die Botschaft, für die er steht, eine sperrige, ärgerlich konkrete ist. Die Botschaft von dem Menschen Jesus von Nazareth, der in der jüdischen Tradition seines Volkes groß geworden ist und von dem wir bekennen, dass er zugleich der Sohn Gottes ist. Und dieses „Wir“ ist die Kirche als das neue Volk Gottes. Diese Kirche ist per definitionem keine partikulare, sondern von Anfang an eine katholische, welt- umspannende. Eine Kirche die zusammengehalten wird durch den einen Glauben, durch den die den gleichen Gottesdienst und die gleichen Sakramente und durch den Papst, den Nachfolger des Petrus, den Garanten dieser Einheit. Seit zwei Jahrtausenden gibt es diese Kirche und sie lässt sich nicht beliebig modellieren und zurechtkneten: nach den neuesten Moden, Einfällen, Opportunitäten. Sie verlangt vielmehr etwas von den Menschen: Umkehr, Bekehrung, Gewissenserforschung. Das ist nicht angenehm. Der durchschnittliche Mensch zweifelt ja an allem, außer an sich selbst. Und er ist darüber hinaus ein scharfer Kritiker, es sei denn es ginge um ihn selbst. Insofern wird uns dieser Papst fremd sein. In der Nachfolge seines Herrn sagt er nämlich: Seid demütig und hinterfragt so manche Selbstverständlichkeiten. Ihr werdet euer Glück nicht in euch selbst finden, sondern in einem Größeren. Echte Liebe könnt ihr weder machen noch produzieren, sondern sie wird euch geschenkt und euer Leben gelingt, wenn ihr euch für diese größere Liebe öffnet. Wenn ihr euch für Gott, für Jesus Christus öffnet.
Für diese Botschaft steht der Papst. Und seine ganze Liebe gilt der unverkürzten Wahrheit der Person Jesu Christi. Deshalb ist er auch ein Wächter und Warner. Er warnt davor das Alte und das Neue Testament auseinanderzureißen: denn nur in deren Zusammenschau zeigt sich Heilsgeschichte. Er warnt davor eine vor- und nachkonziliare Kirche auseinanderzureißen, denn beides gehört zusammen. Er warnt davor Vernunft und Glauben auseinanderzureißen: Vernunft ohne Glauben wird zum bloßen Pragmatismus, Glaube ohne Vernunft wird blind. Und er warnt davor Gott und den Menschen auseinanderzureißen: eine „Gottesfinsternis“ wäre ein Super- Gau für die Menschheit. Bei allem aber spürt man, dass dieser Papst aus einer tiefen Freude heraus lebt, redet, betet. Vor den anderthalb Millionen Pilgern in Madrid hat er mehrmals von der Freude gesprochen, die der Glaube schenkt und die aus der Freundschaft mit Jesus fließt. Und er selbst will nach einem Wort des Paulus Diener dieser Freude sein.
Möge er uns bei seinem Besuch mit dieser Freude anstecken. Erwarten wir nichts Unmögliches vom Papst. Es ist ein viertägiger Besuch, mehr nicht. Aber es ist ein ganz besonderer Besuch. An seinem Ende, diese Prognose wage ich, werden ihn Hunderttausende live gesehen haben, Millionen an den Bildschirmen und er wird viele , so wie es die Aufgabe des Petrus war, im Glauben gestärkt haben. Und man wird sich fragen: was war da noch mit 100 sogenannter Volksvertreter; aber eigentlich wird das eh kaum jemanden noch interessieren.
AMEN

800 Jahre Heusenstamm

August 23, 2011 Von: Sekretariat Kategorie: Allgemein, Predigten Comments Off

Liebe Zuhörer, sehr verehrte Damen und Herren!

Viele Worte wurden heute Abend schon gesprochen. Ernste und lustige, ironische und feierliche, auf jeden Fall angemessene: denn ein Stadtjubiläum ist schon etwas Besonderes. Ich möchte als Vertreter der Heusenstammer Kirchen die Zahl der Worte  – nachdem der Abend fortgeschritten ist – auch gar nicht mehr ungebührlich erhöhen. Ich möchte Ihnen vielmehr ein Wort der Heiligen Schrift weitergeben, das mir anlässlich des Jubiläums in den Sinn gekommen ist. Es ist aus dem Propheten Jeremia genommen und lautet: „Suchet der Stadt Bestes“! Schon immer haben Christen dieses Wort ernst genommen. Sich nicht zurückgezogen in Kirche und Sakristei, sondern mitgearbeitet am Aufbau dieser Welt. Und so kann man auch die Geschichte von Heusenstamm nur recht verstehen und würdigen, wenn man sieht, wie sehr der Glaube an Gott und auch die kirchliche Gemeinschaft sie geprägt hat. Das Kloster in Patershausen,  Sebastian von Heusenstamm, die wunderschöne St. Cäcilia Kirche oder auch ein Kaplan Brantzen, der wegen seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus im  KZ landete, sind nur einige wenige Stichpunkte.

„Suchet der Stadt Bestes“ – dieses Motto zielt aber vor allem auf die Zukunft. Ich kann Ihnen versprechen: Auch wenn der christliche Glaube sein ehemaliges Sinnmonopol verloren hat und die Welt auch in Heusenstamm vielschichtig und bunt geworden ist:  Evangelische, freie evangelische und katholische Christen werden weiterhin zum Wohl dieser Stadt und für das Gemeinwohl wirken.

„Suchet der Stadt Bestes“ – dieses Motto kann man aber auch sehr „weltlich“ verstehen. Bürgermeister, Politiker, Verantwortliche in den verschiedensten Bereichen, Vereinsvorstände oder schlicht Bürger: sie alle sollten sich daran erinnern, dass es klug und angemessen ist, immer wieder über den Rand ihrer partikularen Interessen hinauszuschauen. Unser Zusammenleben kann nicht bloß eine Addition von Egoismen sein, sondern muss am „Besten der Stadt“, am Gemeinwohl orientiert sein. Dieses Gemeinwohl gilt es gemeinsam zu suchen und zu finden! 

„Suchet der Stadt Bestes“ – wir merken: dieser Aufruf kann nicht vom Landrat angeordnet und durch die Verwaltung exekutiert werden. Das Wohl der Stadt hängt an den konkreten Menschen – und nicht zuletzt am Segen Gottes. Nicht umsonst heißt es deshalb bei Jeremia: „Betet für die Stadt beim Herrn, dass es ihr und damit auch euch wohl ergehe!“

 Diesen Segen erbitte ich für unsere kleine und so liebenswerte Heimatstadt Heusenstamm von ganzem Herzen. In diesem Sinne: ad multos annos, auf noch viele gute Jahre!

Danke fĂĽr Ihre Aufmerksamkeit!

Martin Weber
Pfarrer

 

8. Sonntag im Jahreskreis - 20.02.2011

Februar 28, 2011 Von: Sekretariat Kategorie: Predigten Comments Off

„Von der Sorge“ oder: „Sorget euch nicht!“

Liebe Mitchristen,
das ist wieder mal so ein Evangelium, das quer steht zu dem, wie wir gemeinhin denken. Denn natürlich sorgen wir uns um viele Dinge. Eltern sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder und darum, welche weiterführende Schule für ihr Kind das Beste ist. Junge Menschen müssen sich schon jetzt Gedanken um ihre Altersvorsorge machen, weil das nicht mehr automatisch läuft. Rentner sorgen sich, weil die Inflation an ihren Bezügen knabbert. Kirchenleute sorgen sich und fragen, wie soll es weiter gehen in unseren Gemeinden. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern und es wäre verrückt, wollte man diese Sorgen abstellen. Der Mensch ist per definitionem ein sich sorgendes Wesen- und das in vielerlei Hinsicht. Das kann es nicht sein, was Jesus meint, wenn er sagt „Sorget euch nicht!“ Zwei Sätze helfen mir, das was Jesus meint, besser zu verstehen.
Der eine stammt von Epiktet, einem alten griechischen Philosophen, und er sagt: „Nicht die Dinge beunruhigen uns, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben“ Ein simpler Satz, der so leicht vorbeigeht: „Nicht die Dinge beunruhigen uns, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.“ Mir hat dieser Satz in einer für mich sehr unruhigen und sorgevollen Lebensphase einmal viel geholfen. Wenn man sich sorgt, dann fühlt man sich übermächtigen Tatsachen ausgeliefert: Geld, Gesundheit, Zukunft, Ansehen. Aber wenn man genauer hinsieht: das alles sind nicht einfach Tatsachen, sondern oft genug bekommen sie dieses Bedrohungspotential erst dadurch, dass ich sie entsprechend „auflade“, einschätze. Sehr oft mache ich die Dinge viel bedrohlicher, schrecklicher und angsteinflößender als sie in Wirklichkeit sind. Wenn wir das unterscheiden können: die Dinge und unsere Meinungen von ihnen, dann können wir vieles sehr viel gelassener, sorgloser“ angehen. „Jeder Tag hat genug eigene Plage“ sagt Jesus und meint all das, was uns zu bewältigen aufgetragen ist. Aber darüber hinaus sollten wir darauf achten, das Leben nicht durch falsche Einschätzungen noch schwerer, sorgenvoller zu machen. Denn: „Nicht die Dinge beunruhigen uns, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.“
Der andere Satz stammt von Alfred Delp, einem deutschen Jesuiten, der in der Zeit des Nationalsozialismus wegen seiner Opposition zum Regime hingerichtet wurde. Delp hat einmal geschrieben: „Wir stehen alle unter einem geheimen Imperativ, der uns in all unseren Handlungen antreibt.“ – Wie ist das zu verstehen? Der geheime Imperativ ist der große, oft unbewußte Motor unserer Handlungen und Entscheidungen. Man könnte sagen unsere Motivationszentrale! Was motiviert uns zum Handeln? Was motiviert sie zum Handeln? Für viele sind es die Kinder, um die man sich kümmern muß und dem alles andere untergeordnet wird. Für manche ist es das Geld, die Macht, das eigene Ansehen, der Wunsch nach Heimat und Geborgenheit. Und im Hintergrund lauert immer die Angst, die gesetzten Ziele nicht zu erreichen, in seinem Lebensentwurf zu scheitern. Jesus nennt im Evangelium einen anderen Imperativ: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und alles andere wird euch dazu gegeben.“ Auch das ist ein Imperativ. Aber, und das ist der große Unterschied, dieser Imperativ speist sich nicht aus der Angst, sondern aus dem Vertrauen! Jesus lebt in einem tiefen Vertrauen, das begründet ist in der innigen Verbundenheit mit seinem Vater. Und er wirbt um dieses Vertrauen. Er sagt den Menschen: Lebt in und aus der Gemeinschaft mit Gott. Dann werdet ihr euch weiterhin um viele Dinge sorgen müssen, die euch aufgetragen sind, aber aus dem Wissen heraus, dass es noch etwas Größeres gibt. Alles auf dieser Welt ist begrenzt und vorläufig, so wertvoll es uns auch erscheint, Gott allein bleibt. Wer daran glauben kann, der lebt in einer letzten Sorglosigkeit, die nicht das Ergebnis psychologischer Tricks, sondern schlicht und einfach Gnade ist.
AMEN

7. Sonntag im Jahreskreis - 20.02.2011

Februar 21, 2011 Von: Sekretariat Kategorie: Predigten Comments Off

Von der Selbst- Nächsten- und Feindesliebe

„Watson“ ist einer der klügsten Teilnehmer, den das US- Quiz Jeopardy jemals gesehen hat. Mühelos hat er gegen zwei Champions gewonnen und eine Million Dollar abkassiert. Doch „Watson“, liebe Mitchristen, ist kein Mensch, sondern ein genialer Computer. Dutzende Wissenschaftler von IBM haben Jahre lang an ihm gearbeitet, so dass er Sprache verstehen, Wortspiele durchschauen und sogar Einsätze kalkulieren kann. Beim heutigen Evangelium hätte Watson einiges zu tun. Da geht es um ein schwieriges Wort: Liebe. Um ein noch schwierigeres Sprachspiel: Liebet eure Feinde. Und um einen hohen Einsatz: daran entscheidet sich unser Christ- sein. Und ich denke, hier würde „Watson“ kapitulieren: denn das was Jesus sagt, kann man nur dann verstehen, wenn man es in sein Leben übersetzt. Eine so individuelle Aufgabe kann kein auch noch so aufgemotzter Superrechner leisten, da ist ein Mensch, ein wirklicher Mensch gefragt!
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – ein Satz, den schon das Alte Testament kennt und den Jesus bekräftigt. So schön es ist, das Leben von Mutter Teresa zu betrachten und so inspirierend ihr Beispiel auch sein mag, dieser Satz erinnert uns an das Naheliegende, an unsere Nächsten. Mit denen auszukommen ist die Kunst. Ihnen Gutes tun, zu verzeihen, Nachsicht üben, über den eigenen Schatten springen, immer wieder von vorne anzufangen: das ist die Kunst. Davon können Eheleute ein Lied singen, Eltern berichten, Arbeitskollegen erzählen. Den, der mich nervt, dennoch zu akzeptieren. Etwas Gutes tun, ohne dass es honoriert wird. Sich einsetzen und engagieren- uneigennützig oder um den sprichwörtlichen Gotteslohn. Aber es ist vielleicht eine noch größere Kunst auch den zweiten Teil dieses Satzes im wahrsten Sinne des Wortes zu „beherzigen“: wie dich selbst. Uns selbst zu lieben, anzunehmen: das fällt zuweilen schwer. Sicher gibt es so manche, von denen wir sagen: die sind (übertrieben) selbstverliebt. Oder egoistisch. Aber es gibt vielleicht noch mehr, die in sich das nagende Gefühl tragen und verbergen: Du bist es doch gar nicht wert geliebt zu werden. So eine Wunde entsteht meistens sehr früh. Kinder bekommen eine solche Botschaft manchmal von Eltern. Eigentlich störst Du uns. Oder: Du bist nur liebenswert, wenn Du so bist wie wir es uns vorstellen. Im Alten Testament heißt es an einer sehr schönen Stelle über Gott: „Auch wenn dich Vater oder Mutter vergessen würden. Ich vergesse dich nicht.“ Am Beginn der Messfeier haben wir unsere Taufgnade erneuert. Da ist uns doch nichts anderes zugesagt: „Du bist geliebt und angenommen“. Wenn wir das doch nur „beherzigen“ könnten.
Und dann: „Liebet auch eure Feinde!“Ist das nicht eine Überforderung? Ist es nicht schon schwer genug uns selbst und dann auch noch die Nächsten zu lieben? Und dann noch unsere Feinde. Jesus verknüpft diese Forderung aber mit Gott. Weil Gott der Gott aller Menschen ist, deshalb dürfen auch wir nicht einfach dichtmachen. Weil Gottes Liebe grenzenlos ist, müssen auch unsere Grenzen durchlässig sein. Das wird im Einzelfall sehr nicht einfach sein. Und noch weniger ist diese Forderung der Bergpredigt geeignet, dass man sie in ein politisches Programm ummünzt. Aber jeder und jede, die zu Jesus gehören wollen, sind aufgerufen das Experiment der Feindesliebe immer wieder zu wagen. Es wird nicht immer gelingen. Aber immer wieder werden wir die Erfahrung machen, dass nur durch dieses Wagnis „Wunder“ geschehen, Menschen und Situationen verändert werden können. Und wir aus dem Automatismus des Freund - Feind Denkens herausgerissen werden, in dem wir uns so gerne einrichten und das oft genug so verlogen ist. Als ob wir allein auf der moralisch sicheren Seite wären. Als ob wir anderen nicht auch oft genug Anlass gegeben hätten, uns zu hassen.
„Ich aber sage euch“ – dieses Wort, das Jesus in der Bergpredigt so oft verwendet, spricht davon wie wichtig ihm das ist, was er da den Menschen sagt. „Ich aber sage euch“ – wie ein neuer Mose spricht Jesus zum Volk. Man hat die Bergpredigt deshalb als das Grundgesetz des Reiches Gottes umschrieben. Inwieweit wir dieses Grundgesetz in unser Leben übersetzen, daran entscheidet sich unser Christ- sein. Dass uns das gelingt, dazu brauchen wir keinen Superrechner wie Watson. Sondern Offenheit für die Menschen, die Bereitschaft auf Gott zu hören und Hände, die empfangen und geben können.
AMEN

5. Sonntag im Jahreskreis - 06.02.2011

Februar 09, 2011 Von: Sekretariat Kategorie: Predigten Comments Off

„Ihr seid das Licht der Welt – Ihr seid das Salz der Erde“

„Ihr seid das Salz der Erde- ihr seid das Licht der Welt“ – diese Zusage, liebe Mitchristen, gibt Jesus denen, die zu ihm gehören wollen. Nicht: ihr sollt es seid, sondern: ihr seid es. Was aber heißt das? Das wurden Christen schon früh gefragt und oft fiel die Antwort schwer. Weil man“ Licht- sein“ und „Salz- sein“ nicht theoretisch erklären kann, sondern schlicht leben muss. Und so gab man den Fragenden zuweilen die Antwort: „Wenn Du wirklich wissen willst, was Christen sind und glauben, dann lebe eine Zeitlang mit Ihnen!“
Dazu möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Sie handelt von Tim Guenard und er selbst hat sie erzählt in dem Buch : „Boxerkind – Überleben in einer Welt ohne Liebe.“ Tim wird in Frankreich geboren als Sohn eines jähzornigen Alkoholikers und einer labilen und sehr jungen Mutter. Mit drei wird er von dieser Mutter, die eine neue Beziehung hat, wie ein lästig gewordenes Haustier ausgesetzt. Sie bindet ihn wie einen Hund an einen Strommast und verschwindet für immer aus seinem Leben. Zunächst bleibt der Junge bei seinem Vater, der ihn mit fünf Jahren halb tot prügelt. Er ist dann für zwei Jahre im Krankenhaus, bevor er dann bei verschiedenen Pflegefamilien unterkommt, unterbrochen nur von Aufenthalten in Besserungsanstalten. Schließlich verschwindet er nach Paris, lebt zunächst als Obdachloser, gleitet in Kriminalität und Prostitution ab. Eine Jugendrichterin rettet sein Leben: sie ermöglicht ihm eine Ausbildung und motiviert ihn zum Boxsport. Äußerlich hat er es jetzt geschafft, innerlich aber ist er voll Hass auf seine Eltern und voll des Hungers nach echter Zuneigung und Wärme. Sein Leben ändert sich als er Menschen kennenlernt, die ihm von Gott erzählen und mitnehmen in eine „seltsame“ Gemeinschaft: die Arche. Hier leben gesunde und behinderte Menschen zusammen. Später wird Tim schreiben: „Im Gefängnis meines Hasses, bekam ich Besuch von Menschen, in denen die Liebe wohnte.“ Diese Menschen waren ein Priester, Pater Thomas, der Gründer der Arche. Besonders aber war es die Begegnung mit den behinderten Menschen. Einer von ihnen sagt zu ihm: „Tim, du bist lieb“ und Guenard schreibt: „Wumm. Diese Worte treffen mich wie einen Schlag. Es ist der erste K.o. meiner Laufbahn, ein Knock-out durch einen Behinderten.“ Drei Jahre später, als er 21 Jahre alt wird, kommt der zweite und entscheidende Knock out. Frederic, ein behinderter junger Mann im Rollstuhl, der auch in der Arche lebt, kommt auf Tim zu und schenkt ihm fünf Zeilen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Fünf Zeilen, die für ihn eine große Anstrengung bedeutet haben. Aber fünf Zeilen voller Liebe. Und das erste Geburtstagsgeschenk, das er jemals bekommen hat. Sein Panzer bekommt immer mehr Risse. – So erzählt das Buch „Boxerkind“ die Geschichte von Tim Guenard. Eine Geschichte, die immer ehrlich bleibt und realistisch. Nichts geht so einfach und glatt. Da sind viele Auf und Abs, viele Kämpfe und Rückfälle. Am Ende aber steht ein verwandelter Mensch. Der heute verheiratet ist und drei Kinder hat und in der Nähe von Lourdes lebt. Der immer Mitbewohner hat: junge Menschen, die aus der Bahn geraten sind, die ein ähnliches Schicksal haben wie er. Denen er und seine Familie so lange Begleitung geben, wie sie es brauchen. Das Schönste aber für Tim Guenard ist es, dass er am vorläufigen Ende eines langen Weges seinen Eltern verzeihen kann. Und er sagt: „Ich, Sohn eines Alkoholikers und einer Mutter, die ihr Kind ausgesetzt hat, habe dem Verhängnis den Hals umgedreht. Ich habe die Genetik Lügen gestraft. Das ist mein ganzer Stolz.“
Das aber war nur möglich, weil Tim Menschen begegnet ist, die „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ waren. Weil er eine Zeitlang mit wirklichen Christen gelebt hat.
AMEN